Lesung zum Europatag stellte Tagebücher in den Mittelpunkt
Foto:Deutsches Tagebucharchiv Emmendingen
Welchen Blick haben junge Menschen auf ihre Nachbarländer, und was bedeutet es, Europäer zu sein? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Kooperationsveranstaltung des Deutschen Tagebucharchivs und der Europabeauftragten des Landkreises Emmendingen am Sonntag, 10. Mai 2026. Unter dem Titel „Ich, Europa und das Haar in der Suppe“ wurden Tagebucheinträge mit Gedanken und Beobachtungen zu Europa präsentiert.
Die Texte hatte Christiane Weinzierl vom Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen ausgewählt. Sie trug die Einträge gemeinsam mit der Französin Françoise Bonnot-Jörgens sowie Helmut Hoppe, Markus Schaber und Lennart Stephan vom Erasmus-Gymnasium Denzlingen vor. Die Veranstaltung zum Europatag wurde vom Staatsministerium Baden-Württemberg finanziell unterstützt.
Der älteste Text der Lesung stammt aus dem Jahr 1925. Darin beschreibt eine junge Frau aus Wien ihre Erfahrungen mit schwäbischer Sparsamkeit und ihre Irritation darüber, dass sie in Deutschland keine Hosen tragen darf. Ein junger Kadett aus Bremen schildert 1967, rund 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, sehr unterschiedliche Erlebnisse während einer Fahrt durch europäische Gewässer. In Reykjavik habe er erlebt, dass Deutsche auf der Straße angepöbelt wurden. Auch ein deutscher Student machte 1955 in Frankreich ähnliche Erfahrungen und setzte sich in seinen Notizen mit deutsch-französischer Versöhnung und Nationalismus auseinander. Eine Deutsche wiederum beschrieb 1979 in Griechenland als Neubürgerin die zwei Seiten der griechischen Gastfreundschaft, vermisste das heimatliche Weihnachten und fand dennoch ihr Glück auf einer kleinen griechischen Insel.
So unterschiedlich die Texte über Europa waren, eines verband sie nach den Worten von Dr. Marianne Dörr: „Alle finden das sprichwörtliche Haar in der Suppe.“ In ihrem Grußwort dankte sie vor allem den Partnern der anderen europäischen Tagebucharchive, in deren Netzwerk das Emmendinger Archiv eng eingebunden ist.
Landrat Hanno Hurth erinnerte in seinem Grußwort an den Anlass der Veranstaltung: die Rede von Robert Schuman vom 9. Mai 1950, in der Schuman den Vorschlag einer europäischen Gemeinschaft unterbreitete. Er dankte dem Tagebucharchiv für seine Arbeit und betonte: „Tagebücher sind mehr als nur private Aufzeichnungen. Gerade auf Reisen und in fernen Ländern öffnen sie den Blick. Diese Sammlung macht erfahrbar, wie sich Geschichte im Individuellen niederschlägt und wie aus vielen Stimmen ein Resonanzraum gemeinsamer Identität entstehen kann.“
Für die musikalische Umrahmung der gut besuchten Matinee sorgten Gabriele Kniesel am Klavier und Lutz Thormann an der Querflöte.