Südbadens Wirtschaft fährt weiter auf Sicht
Die Hoffnungen der Unternehmen am südlichen Oberrhein auf einen Konjunkturschub haben sich nach Einschätzung der IHK Südlicher Oberrhein zwar erfüllt, eine echte Trendwende ist jedoch nicht in Sicht. Die aktuelle Konjunkturumfrage zum Frühsommer zeigt eine verbesserte Geschäftslage, zugleich aber deutlich gedämpfte Erwartungen. Grund dafür sind vor allem die infolge des Irankrieges gestiegenen Energiepreise.
„Die Geschäftserwartung von Januar ist die Geschäftslage von heute – und die ist nicht schlecht“, sagte Alwin Wagner, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Südlicher Oberrhein, bei der Vorstellung des Konjunkturberichts am Mittwoch. Der Index der Geschäftslage steigt zum zweiten Mal in Folge und erreicht den höchsten Stand seit Jahresbeginn 2024. Von fünf Punkten im Herbst 2025 über 13 Punkte zum Jahresbeginn kletterte er nun auf 20 Punkte. Fast jedes dritte Unternehmen berichtet wieder von einer guten Geschäftslage, während nur zwölf Prozent diese als schlecht beurteilen.
Regionale Unterschiede gehen nach Angaben der IHK auf die traditionell stark in der Ortenau vertretenen Industrien wie Maschinenbau, Metallverarbeitung und Papierindustrie zurück. Die Unternehmen im Nordbezirk bewerten ihre Geschäftslage mit 15 Prozent weiterhin etwas schlechter als die Betriebe im Südbezirk, wo zehn Prozent von einer schlechten Lage sprechen.
Bei der Vorstellung der Konjunkturumfrage berichtete auch Thomas Albrecht, Geschäftsführer der Fassondreherei Hermann Blum GmbH in Gutach, aus der betrieblichen Praxis. Aufgrund einer guten Auftragslage konnte der Metallbauer im Januar vom Zweischicht- in den Dreischichtbetrieb wechseln. Das Unternehmen fertigt mit rund 50 Mitarbeitern Dreh- und Frästeile, vor allem für Medizingerätehersteller. Die Hoffnung auf eine echte Trendwende hielt jedoch nicht lange an. Mit der Zuspitzung der Lage im Nahen Osten im Februar gingen die Kundenaufträge zurück. Mitte März wechselte der Betrieb wieder in den Zweischichtbetrieb.
„Es gab in den ersten Monaten durchaus einen konjunkturellen Schub, der nun aber durch den Irankrieg ausgebremst wurde“, erklärte Wagner. Die Geschäftserwartungen lagen zu Jahresbeginn mit minus sieben Punkten bereits deutlich im negativen Bereich. In der aktuellen Umfrage rutschten sie weiter auf minus 14 Punkte ab. 29 Prozent der Unternehmen blicken pessimistisch auf die kommenden zwölf Monate, während 15 Prozent optimistisch bleiben. „Für viele Branchen ist da trübe Sicht – wir können schwer abschätzen, ob die Krise sich verfestigt oder wie lang sie bleibt“, sagte Wagner.
65 Prozent der Unternehmen nennen inzwischen die gestiegenen Energiepreise als Hauptrisikofaktor für ihr Geschäft. Zu Jahresbeginn lag dieser Wert noch bei 40 Prozent. Nach Angaben der IHK war er nur zu Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine höher. Die Entwicklung zeige erneut, wie abhängig die deutsche Wirtschaft von Energieimporten sei.
Betroffen sind nicht nur energieintensive Industrien, von denen 67 Prozent hohe Energiepreise als Risiko nennen. Besonders stark sehen sich auch Hotellerie und Gastronomie sowie die Bauwirtschaft belastet. Dort geben 83 beziehungsweise 85 Prozent der Betriebe an, durch hohe Energiepreise gefährdet zu sein. Die Baubranche wird zusätzlich durch höhere Preise für Rohstoffe auf Ölbasis belastet. 70 Prozent der Betriebe sehen darin ein Geschäftsrisiko.
Auch in den Betrieben der Region sind die Auswirkungen spürbar. „Die Lieferzeiten im zweiten Halbjahr werden deutlich nach oben gehen, weil gewisse Bestandteile zum Stahlerzeugen dann fehlen werden“, sagte Albrecht. Besonders problematisch seien für ihn die Preissteigerungen, weil dadurch kalkulierte Produktionskosten nicht mehr gedeckt würden. Einen vollständigen Lieferstopp erwartet er jedoch nicht. Auch Wagner schätzt das Risiko eines Stillstands in Europa als gering ein. Viele Unternehmen hätten ihre Lieferketten diversifiziert und setzten, wo möglich, auf regionale Produktion.
Die gegensätzlichen Entwicklungen aus verbesserter Geschäftslage und schwächeren Erwartungen spiegeln sich im IHK-Konjunkturklimaindex wider. Dieser geht um einen Punkt zurück und stagniert bei 102 Punkten. Damit liegt der südliche Oberrhein im Landesvergleich dennoch knapp vorn. Für Baden-Württemberg sank der Wert um fünf Punkte auf 98 Punkte.
„Das spricht dafür, dass wir hier in Südbaden eine sehr diversifizierte Wirtschaft und letztlich auch eine resilientere Wirtschaftsstruktur haben als die industriellen Zentren rund um Stuttgart und Mannheim, die eher branchengetrieben sind und mehr Einbußen haben“, sagte Wagner.
Auch die Investitionsbereitschaft am südlichen Oberrhein stagniert. Sie liegt nahezu unverändert bei minus drei Punkten. „Wir sehen, dass das Investitionsklima nicht da ist, weil die Konjunktur nicht anzieht“, sagte Wagner. Albrecht beschrieb die Situation in seinem Betrieb ähnlich. Grundsätzlich sei sie nicht schlecht, „aber eben Fahren auf Sicht, ohne groß in Investitionen oder Erweiterungen gehen zu können und zu wollen“.
Der Anteil der Unternehmen, die in der Wirtschaftspolitik ein Risiko für die eigene wirtschaftliche Entwicklung sehen, sank von 39 Prozent zu Jahresbeginn auf 31 Prozent. Nach Einschätzung der IHK deutet dies einerseits darauf hin, dass globale Probleme wie Energiekrise und Lieferketten derzeit schwerer wiegen. Andererseits sei der Wert weiterhin hoch. Für Wagner ist dies „ein Zeichen dafür, dass die Politik nicht nachlassen soll, auch die großen Reformkonzepte anzupacken und vorzulegen“.
Verhalten optimistisch äußerte sich Wagner zu Ansätzen wie „one in, two out“, also dem Abbau bestehender Regeln beim Erlass neuer Vorgaben. Solche Ansätze seien richtig und stünden unter anderem im Koalitionsvertrag auf Landesebene. Die IHK-Organisation wolle diese Entwicklungen konstruktiv begleiten.