Wildtiere in Tschernobyl veränderten während russischer Besetzung ihr Verhalten
Ein internationales Forschungsteam hat erstmals untersucht, wie ein bewaffneter Konflikt das Verhalten von Wildtieren beeinflusst. Mithilfe von Kamerafallen dokumentierten die Wissenschaftler, wie sich die russische Besetzung der Tschernobyl-Sperrzone im Jahr 2022 während des Ukrainekriegs auf die Aktivität der Tiere in der Region auswirkte.
Die Analyse zeigt, dass Rotwild, Rehe, Füchse und Wildschweine ihre Tag- und Nachtaktivität während der Kriegshandlungen veränderten. Das Team unter der Leitung von Dr. Svitlana Kudrenko, die an der Universität Freiburg promoviert hat, und Prof. Dr. Marco Heurich von der Universität Freiburg hat seine Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die tageszeitlichen Aktivitätsmuster von Säugetieren während des intensivierenden bewaffneten Konflikts änderten, insbesondere die nächtliche Aktivität. Das weist auf einen umfassenderen Wandel in der Tschernobyl-Sperrzone hin – weg von einem Ökosystem, das sich ohne menschliche Störungen von der Reaktorkatastrophe erholt hat, hin zu einer militarisierten Landschaft, in der sich Lebensraumnutzung und Verhalten der Wildtiere verändern“, sagt Heurich.
Die Sperrzone von Tschernobyl umfasst ein Gelände von 2600 Quadratkilometern. Nach der Nuklearkatastrophe von 1986 und der radioaktiven Kontamination wurde ein großer Teil davon zum Biosphärenreservat und Naturschutzgebiet erklärt. „Die geringe menschliche Präsenz in der Zone trug zu einem Anstieg der Wildtierpopulationen bei und führte dazu, dass das Gebiet wieder von Arten besiedelt wurde, die vor der Katastrophe lokal ausgestorben waren – wie von Braunbären und Luchsen – oder die nur noch in geringer Zahl vorkamen, wie Elche, Rothirsche, Wildschweine und Grauwölfe“, erklärt Kudrenko. Zusätzlich wurden in den 1990er-Jahren der europäische Bison und das gefährdete Przewalski-Pferd wiederangesiedelt.
Russische Streitkräfte besetzten die Tschernobyl-Sperrzone 36 Tage lang, vom 24. Februar bis zum 1. April 2022. Bereits seit 2021 beobachteten Wissenschaftler dort mithilfe von Kamerafallen eine Luchspopulation. Nach dem Ende der Besetzung ergab sich für das Forschungsteam eine weitere Fragestellung: Wie reagieren Wildtiere unmittelbar auf einen bewaffneten Konflikt? „Neben unserem ursprünglichen Forschungsprojekt konnten wir so auch untersuchen, was zuvor nur in militärischen Übungsgebieten erforscht worden war“, sagt Heurich.
Nachdem sich die russischen Streitkräfte zurückgezogen hatten, konnten die Forscher die Daten von 31 Kamerafallen bergen. Dabei wurden sie von ukrainischen Streitkräften unterstützt, die das Gebiet von Minen räumten und sicherten. Die Kamerafallen waren durch Infrarot-Sensoren aktiviert worden und hatten kontinuierlich in einem Zeitraum vom 19. Januar bis zum 6. Mai 2022 Bilder aufgenommen, also unmittelbar vor, während und nach der Besetzung. Als Vergleich dienten Aufnahmen derselben 31 Kamerafallen sowie weiterer 25 Kamerafallen aus dem Jahr vor der Invasion, die zwischen dem 19. Januar und dem 21. März 2021 entstanden waren.
In einer weiteren Analyse bewertete das Team die tagesspezifische Intensität des bewaffneten Konflikts im Jahr 2022 und setzte sie in Relation zu den tagesspezifischen Aktivitätsmustern der Tiere. „Dazu haben wir aus Interviews, unter anderem mit Mitarbeitenden des Atomkraftwerks, einen Index der Intensität des Konfliktgeschehens abgeleitet. In diesem Index haben wir Ereignisse wie Militärkonvois, Schießübungen, Luftangriffe oder Artilleriefeuer auf einer Skala von null bis zehn bewertet. Wir haben außerdem weitere Faktoren berücksichtigt, wie Niederschlag, räumliche Nähe zu Straßen oder Orten mit dauerhafter menschlicher Präsenz und Thermoanomalien wie Bombardierungen oder Waldbrände“, erklärt Kudrenko.
Anhand der Daten untersuchten die Forscher das Verhalten von elf Tierarten. Zu Beginn gingen sie davon aus, dass die Tiere als Reaktion auf die Störungen durch den bewaffneten Konflikt verstärkt nachtaktiv und wachsamer würden und Orte mit ständiger menschlicher Präsenz meiden würden. „Solch ein Verhalten ist bereits dokumentiert, und wir hatten angenommen, dass es sich unter den Bedingungen des Konflikts verstärken würde“, sagt Kudrenko.
Für einige der untersuchten Tierarten traf dies zu. Gleichzeitig stellten die Wissenschaftler artspezifisches Verhalten fest, das von bisherigen Annahmen abweicht. Rothirsche und Rotfüchse waren während der Besetzung im Vergleich zum entsprechenden Zeitraum im Vorjahr weniger nachtaktiv. „Der Rückgang der nächtlichen Detektionen deutet darauf hin, dass diese Arten ihre Aktivität als Reaktion auf eine erhöhte Konfliktintensität in den Tag verlagert haben“, so Kudrenko.
Während die Zahl der Sichtungen von Rehen insgesamt zurückging, stieg die Zahl der Sichtungen von Rotwild angesichts zunehmender Konfliktintensität an. Außerdem beobachtete das Team, dass Feldhasen und Rotwild auf thermische Anomalien reagierten, vor allem auf konfliktbedingte Waldbrände, indem sie nachts aktiver waren.